Letenské sady

Letenské sady

Itzi´s Leben in Prag 20:00, Donnerstag, Oktober 2016. Ein tschechischer Flug landet in Prag. Aber mit einer Besonderheit im Flugabteil. Diesmal ist er nicht voll besetzt mit tschechischen, sondern mit spanischen Leuten. Alle kommen in das wunderbare Prag, um dort ein paar Tage zu verbringen. Einige von ihnen werden das ganze Wochenende lang mit Freunden feiern gehen, trinken und die Zeit genießen. Manche kommen mit der ganzen Familie, um ein paar Tage an einem ruhigen Ort in der Mitte Europas, weit weg vom stressigen spani-schen Leben zu verbringen. Aber am Ende des Korridors, versteckt hinter den Schatten, sitzt jemand, dessen Bauch sich vor Nervosität verdreht. Sie kommt nicht nur für ein paar Tage, sie kommt, um in Prag zu leben. Sie weiß nicht wo sie dort arbeiten wird, wie sie sich an das Land anpassen wird und wo sie nach den ersten Tagen in einem geteilten Haushalt leben wird. Sie hat jedoch ein kleines, schwarzes und haariges Wesen dabei. Der kleine Welpe bewegt endlich seinen Kopf nach oben, gähnt und sucht gleichzeitig die Augen seines Frauchens. Das Mädchen lächelt den Welpen an, „Wieso kommen wir nach Prag, Schätzchen? Ich beginne verwirrt zu sein, wie wir alles hinter uns gelassen haben… Familie, Freunde, Arbeit, unsere Wohnung… Aber weißt du was? Wir werden nicht alleine sein, solange wir uns gegenseitig haben.”

Nun ist ein Jahr vergangen, der Welpe ist kein Welpe mehr und ich bin auch nicht mehr dasselbe Mädchen. Ich habe eine Menge an Abenteuern in Prag erlebt, die mich verän-dert haben. Ich meine nicht zum Schlechteren, einfach nur ein wenig verändert.

Mit einer Arbeitslosenquote von 2.9 % ist es ziemlich einfach in der Tschechischen Re-publik einen Job zu bekommen. So habe ich also nur ein paar Tage nach meiner Ankunft einen Job bekommen. Ich war so froh, aufgeregt und energisch darüber. Bis ich realisierte, dass er zu mir nicht so passte. In meiner Position war es nicht nötig zu den-ken, alles ging automatisch, nur durch Beachtung der Regeln konnte man seine Ziele erreichen. Aber meine Art ist anders, also dachte mir, dass ich meinen Kopf benutzen muss. Ich habe versucht, einen neuen Job zu suchen und zwei Tage später hatte ich eine neue Gelegenheit. Ich war überrascht, denn wenn man in Spanien seinen aktuellen Job wechseln will, kann es sein, dass man ein Jahr lang arbeitslos auf ein neues Jobangebot warten muss. Aber hier – in nur zwei Tagen! Das war ein wunderbares Gefühl. Also habe ich den neuen Job angenommen, er war genauso wie der erste Job auf Ausländer fokussiert. Mein Spanisch war dort notwendig, aber das war leider auch schon alles. Schon wieder wurde kein Kopf benötigt. Ich habe angefangen mich zu fragen, warum ich überhaupt Ingenieurswesen studiert habe? Nur um mit meinem Spanisch nützlich zu sein? Nein. Dieser Job passte auch nicht zu mir. Dieses Mal versuchte ich etwas intelli-genter vorzugehen. Ich habe versucht, technische Bereiche um Prag zu suchen, da die Stadt voller Büros ist und nicht Fabriken. Also habe ich den Suchradius erweitert und ich fuhr zu einem Vorstellungsgespräch nach Dobříš. Das ist eine kleine Stadt mit 8 600 Einwohnern, 20 Minuten von Prag entfernt. Sobald ich das Tor der Firma betrat, war mein erster Satz: „Ich spreche kein Tschechisch, aber ich kann es schnell lernen.“ Und natürlich habe ich es nicht genau so gemeint. Denn tschechisch und schnell ist keine mögliche Kombination. Aber sie stellten mich ein. Die Gründe waren wahrscheinlich mein Willen, mein technisches Wissen und meine starke Persönlichkeit. Diesen Job habe ich bis heute und genieße das Schaffen und die technische Welt. Meine Welt.

Man bekommt also in Tschechien ziemlich leicht einen Job, aber man muss vorsichtig sein! Bei der Suche sollte man darauf fokussiert sein, was man wirklich erreichen möch-te, um zu viele Jobwechsel zu vermeiden, wie ich es tat.

„Guten Tag Frau, was hätten Sie gerne?“ Möchten Sie Hühner- oder Schweinefleisch? Trinken Sie Bier oder Saft?“ Ich musste wirklich tschechisch lernen. Eine Bar zu betre-ten und all diese Information zu erhalten und keine Ahnung zu haben, was der Kellner zu einem sagt… Das ist ein schlechtes Gefühl. Ich habe versucht Englisch zu sprechen, aber in einigen Bars konnten sie kein Englisch sprechen und in anderen wiederum schon, aber irgendwie wollten sie mir nicht helfen. Ich war nur 2000 km von zu Hause entfernt, aber es sah aus, als wäre ich auf der anderen Seite der Welt.

Also wie erwähnt, begann ich Tschechisch zu lernen. Zuerst mit Freunden, in Bars, mit meinem tschechischen Freund (ja, ein tschechischer Freund, diese Geschichte kommt später). Ich habe angefangen, ein paar leichte Wörter zu lernen. Mein erster Satz war: „Mám hlad“, „Ich habe Hunger“. Ein ziemlich wichtiger. Und natürlich „pivo“, was „Bier“ heißt. Ich kann nicht sagen, dass ich Hunger habe und dann kein Bier bestellen.

Später machte ich ein paar Intensivkurse im Herzen von Prag. Drei Stunden am Tag sind ziemlich intensiv für jemanden, der keine Vorkenntnisse einer slawischen Sprache hat. Die Stimmung war dort jedoch ziemlich gut. Leute von überall aus der Welt waren dabei. Portugal, Zypern, USA, Kolumbien, Finnland, Dänemark, Russland, Ukraine, Italien, England, Afrika,… Das sind die ersten Nationalitäten, die mir einfallen. Jeder mit einer anderen Geschichte, mit verschiedenen Gründen in Prag zu sein, aber alle mit dem gleichen Ziel, tschechisch zu lernen, um sich wie zu Hause zu fühlen. Man sagt, dass man sich nie zu Hause fühlen wird, bis man einen Job hat, der Spaß macht und eine Wohnung, in der man sich wohlfühlt und die Sprache des Landes beherrscht, in dem man lebt. Das stimmt einfach. Nach einigen Lektionen, konnte ich mich mit meinem gebrochenen Tschechisch verständigen und ich war nicht mehr verloren. Überall wo ich war und mich unwohl fühlte, wegen welch auch immer Situation, war ich mir sicher, dass ich irgendwie durchkommen würde.

Ich werde Euch nun etwas über mich erzählen. Ich bin eine extrem fröhliche Person. Extrovertiert, gesprächig und manchmal ein wenig stressig. Also wie ihr euch schon vorstellen könnt, sind Tschechen vor mir ein verängstigt, wenn sie mich das Erste Mal sehen. Tschechen sind allgemein ruhige Menschen, unabhängig und ein wenig ängstlich. Sie sind sportlich und aktiv, haben aber ruhige Persönlichkeiten, sind geduldig und nett. Ich lebe in Prag jetzt über ein Jahr und ich habe nie einen Streit zwischen tschechischen Bürgern gesehen. Wenn ich Zeuge eines Streits oder einer unangenehmen Situation war, waren immer Ausländer der Grund. Wenn man in der Hauptstadt Spaniens ist, sieht man mehr als fünf unangenehme Situationen, die aber durch Einheimische verursacht wurden. Ich habe sehr lange versucht, den Grund für dieses Verhalten herauszufinden und habe realisiert, dass wenn man eine sehr auffällige Person wie ich ist, kann man in beide Richtungen auffällig sein, positiv und negativ. Also wenn Leute nicht so viele Emotionen zeigen, werden negative Situationen vermieden, aber manchmal fehlt es dann auch an Positiven.

In meinem Leben in Prag vermisse ich Umarmungen, Küsse, Liebe zwischen Freunden oder sogar unbekannten Leuten, warum auch nicht? Die ersten paar Monate hat es mich Zeit gekostet, mich an das soziale Leben hier anzupassen. Ich habe versucht herauszu-finden, wie ich mich benehmen sollte. Dann versuchte ich aktiv meinen Charakter ein-zusetzen, aber ich realisierte, dass ich ein Theaterspiel spiele. Das war nicht ich. Also habe ich vor ein paar Monaten die Idee mich zu integrieren, indem ich Personen kopiere, vergessen. Ich wurde durch die Freude und Respekt der Kultur hier integriert, aber ich entschied, dass meine Persönlichkeit so bleiben muss wie sie ist. Also begann ich wieder ich selbst zu sein, Leute zu umarmen, Freunde zu küssen, Fremde anzulächeln. Ich würde gerne alle Ausländer hier dazu aufmuntern genau das zu tun, ihr werdet sehr überrascht sein über die Reaktion der Empfänger. Jetzt fühle ich mich integriert.

Und wieso scheinen Tschechen eigentlich ein wenig introvertierter zu sein als wir? Könnte es historische Gründe haben? Die Geschichte der Tschechischen Republik ist ziemlich berührend. Wenn man nur ein wenig darüber erfahren hat, wird man von Ge-schichten überwältigt. Es gab hier in der Vergangenheit viele Eroberer, aber keinen mit dem Willen zu helfen. Verschiedene Regierungen herrschten über die Tschechische Republik. Aber eine Sache ist klar, etwas ehrenhaftes, sogar alle Herrscher wollten ihnen ihre Sprache und Kultur aufzwingen, die Tschechen waren sehr stark. Nicht durch Militär, nicht durch Waffen, sondern durch den Verstand. Nach Allem, was passiert ist, hat die tschechische Kultur überlebt und ist noch stärker denn je zuvor geworden.

Ein klares Beispiel ist Weihnachten. Prag ist noch schöner als sonst. Überall sieht man Lichter, Musik und Leute auf den Straßen. Gestern war es um die -5°C, wir haben je-doch trotzdem unseren Glühwein am Altstädterring getrunken und sind über die Karls-brücke spaziert, um die Schönheit Prags in der Nacht zu genießen. Dann gingen wir zur Prager Burg hoch, um die Größe der Stadt wahrzunehmen. Danach gingen wir zu dem Ort, wo sich letzten Sommer bei einem viertägigen Besuch meine Schwester und ihr Freund verlobt haben. Letenské Sady. Mit einer Aussicht auf die Prager Brücken. Fas-ziniert durch diese atemberaubende Ansicht, rutschte eine kleine Träne auf mein Gesicht und ich war nur in der Lage zu denken “Diese Schönheit ist nun mein Zuhause”.

Honza, Jan, Jon, Juan, Gontzal, er ist meine beste Unterstützung. Er ist mein “Chico checo”, mein tschechischer Junge. Er war meine Orientierungshilfe in diesem Abenteuer. Er hat mir die tschechische Kultur gezeigt, tschechische Gewohnheiten, versteckte tschechische Schönheiten in der Republik. Trotz unserer großen kulturellen Unterschie-de, die unsere Beziehung noch schwieriger machten, konnten wir beide Kulturen ken-nenlernen und die beste Sache daran – wir waren in der Lage sie zu kombinieren. Vor ein paar Monaten haben wir unser eigenes Business gestartet. Wir haben eine kleine Agentur eröffnet, die auf spanischsprachige Touristen in Prag fokussiert ist. Wir bieten Führungen, Taxis, Fahrräder und direkte Hilfe an jeden, der in die Stadt kommt, an. Wir kombinierten unsere Kraft Tscheche und Ausländer zu sein. Wir helfen Leuten wie ich es bin, die die nach Prag ohne Tschechischsprahkenntnisse kommen, sich verloren füh-len.

20:00, Samstag, 23. Dezember 2017. Ein tschechischer Flug fliegt ab von Prag in Rich-tung Spanien. Viele Leute, die im Herzen Europas wohnen, kommen zu Weihnachten nach Hause. Ihre Familien warten auf sie am Flughafen, fragen sich wie viele Jahre sie noch in dieser Situation sein werden, bis ihre Kinder eines Tages ohne ein Rückflugti-cket nach Hause kommen werden. Am Ende des Korridors, versteckt hinter den Schat-ten, sitzt jemand, dessen Magen sich von der einen Seite zur anderen dreht. Kein Hund diesmal. Nur Honza und Itzi, sie kommen zu Weihnachten nach Hause. Aber diesmal haben sie ein Rückflugticket.

Text vznikl v rámci projektu „Podívat se pod pokličku“ financovaném Magistrátem hlavního města Prahy.

 

Autor: Itziar Diaz Tena

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