Cukrárna Na Pankráci

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“Heimat ist da, von wo aus man den Sender sehen kann”

Paulo Coelho, Prag 2017

Es ist ein Sommer in den 90ern. In Polen wütet der wilde Kapitalismus und jeder ist seines Glückes Schmied, deshalb entdeckt dein Vater (gelernter Maurer) den Zauber der Umschulung und beginnt mit Textil Geschäfte zu machen. An der deutsch-tschechischen Grenze kann man angeblich günstigen und hochwertigen kaufen, und so macht die ganze Familie einen Ausflug. Du bist zum ersten Mal in Tschechien (und vielleicht auch sogar das erste Mal im Ausland!), Prag übergehen wir aber mal. Du schwelgst nicht im Anblick der Karlsbrücke, dafür hast du aber eine neue Jeans. Dieses Land ist für dich bisher terra incognita, aber in deinem Unterbewusstsein schlummert schon die Vorstellung, dass du dir im Grenzwirtshaus böhmische Knödel bestellen wirst.

Es ist schon wieder Sommer. Du bist zum zweiten Mal in deinem Leben in einem Ferienlager, genauer gesagt im Süden von Polen, am geographischen polnisch-tschechischen-slowakischen Dreieck. Du bist in der frühen Pubertät, entdeckst gerade Linkin Park und fühlst dich als wärst du der größte Metal-head. Für den nächsten Tag ist ein Ausflug nach Prag geplant. Ihr fährt nicht hin, weil Regen und Überschwemmungen euch einen Strich durch die Rechnung machen (das Schicksalsjahr 2002). Zur Aufmunterung fahren sie aber mit euch nach Český Těšín. Die einzige Erinnerung, die du von dort mitbringst, ist die an Hotdog mit Senf herumknabbern. Du bist natürlich aus Polen und deshalb: du beschwerst dich mit Vergnügen über das schwere Schicksal und im Anschluss muntert dich das einfache Wort „Hotdog“ auf. Es gelingt dir, dies zu wiederholen (natürlich ohne eine bestimmte Länge), währenddessen ist für dich das Wort “hořčice” definitiv unaussprechbar. Und so wird es die nächsten zehn Jahre weitergehen.

Es ist schon wieder Sommer. Du bist zum zweiten Mal in deinem Leben in einem Ferienlager, genauer gesagt im Süden von Polen, am geographischen polnisch-tschechischen-slowakischen Dreieck. Du bist in der frühen Pubertät, entdeckst gerade Linkin Park und fühlst dich als wärst du der größte Metal-head. Für den nächsten Tag ist ein Ausflug nach Prag geplant. Ihr fährt nicht hin, weil Regen und Überschwemmungen euch einen Strich durch die Rechnung machen (das Schicksalsjahr 2002). Zur Aufmunterung fahren sie aber mit euch nach Český Těšín. Die einzige Erinnerung, die du von dort mitbringst, ist die an Hotdog mit Senf herumknabbern. Du bist natürlich aus Polen und deshalb: du beschwerst dich mit Vergnügen über das schwere Schicksal und im Anschluss muntert dich das einfache Wort „Hotdog“ auf. Es gelingt dir, dies zu wiederholen (natürlich ohne eine bestimmte Länge), währenddessen ist für dich das Wort “hořčice” definitiv unaussprechbar. Und so wird es die nächsten zehn Jahre weitergehen.

Es ist Herbst. Der erste Herbst, wo du nach Prag kommst und die Stadt nicht mehr ver-lässt. Du hast hier zwar ein paar Bekannte, aber die haben ihr eigenes Leben. Ein biss-chen sprichst du schon Tschechisch, also recherchierst du, wo es regelmäßige Treffen gibt, bei denen sich Tschechen und Ausländer treffen, um sich miteinander zu unterhal-ten. Jeden Montag beim Mírák im Café “Zapomenutý čas”, einem Lokal mit einem Zweitrepublik-Flair (diesen Charakter spürst du einfach, ohne zu wissen, wer Oldřich Nový, Nataša Gollová oder Adina Mandlová sind, deren Portraits an den Wänden hän-gen). Dir wird bewusst, dass du dich in die tschechischen Realien nur ein wenig einge-lesen hast und umso mehr sehnst du dich danach, sie noch mehr kennenzulernen. Du wirst in einem Zimmer für 3500 Kč (sic!) in Nusle heimisch, in einem Haus, in dem aus unerklärlichen Gründen Palmen aus dem Hausflur verschwinden, die dort zuerst abgestellt worden war. Das macht aber überhaupt nichts aus, denn am Weg von der U-Bahn Pražského povstání jubelt dein Herz über die schlichte, aber reizende Konditorei. Die rosafarbige Aufschrift am weißen Hintergrund sagt schon aus, dass es weder ein typischer Hipsterladen ist, noch sieht sie aus wie die riesigen Konditoreihäuser, die die Tou-ristenmassen im Zentrum anziehen. Sie ist hauptsächlich für die Einheimischen da. Aber auch für Polizisten und Feuerwehrmänner, weil es die einzige Konditorei in der Tschechischen Republik ist, die dem Staat gehört (!). An diesem denkwürdigen Ort, mit dem Schlagsahne herunter fließenden Staatsdessert in der Hand, fängt die entartete Liebe für das Dessert Profiterole / “větrníky“ an. Der Höhepunkt erfolgt aber im Haus zur schwarzen Mutter Gottes, wo sie dir die revolutionärste „kubistische Profiterole“ servieren. Und wenn schon Profiterolen, dann auch schon belegte Brötchen (chlebíčky). Es ist bewiesen, dass belegte Brötchen eine Verkörperung der Volkstümlichkeit, der Egalisierung sind RIP holešovické lahůdky , deren größte Form sind Mensen und Kantinen. Deshalb zieht dich so eine Art von Lokalen an. Du brennst sogar für den Gedan-ken, jegliches Prager Gastrounternehmen dieser Art, zu kartographieren. Du stellst fest, dass man lecker böhmisch auch im Zentrum essen und sogar mit Essensmarken zahlen kann, einem weiteren lokalen Phänomen, „der unsittlichen zweiten Währung im Staat“ Stravenky jsou nemravnou druhou měnou ve státě, říká, šéf asociace restaurací. Wozu brauchen wir schon Bitcoins. Mit einer unverhohlenen Fantasie beobachtest und realisierst du zufällige bizarre Sachen (eine Serie von Wasserhähnen, aus denen Tee fließt in der Mensa Albertov, in der Spálená Straße das Perpetuum Mobile zur Geschirrrückgabe und das Schild, welches stolz aufmerksam macht, dass der Tee mit künstlichen Süßstoffen gesüßt ist).

Die Leute haben verschiedene Hobbys. Die einen sammeln Schlösser, aber deine fixe Idee ist es, eine Anthologie von Lokalen zu erschaffen, wo es richtigen Langosch und ein gezapftes Maß Bier gibt. Und deshalb, wenn man dir anbietet, einen Text über Prag zu publizieren, nutzt du diese Möglichkeit aus und nutzt diese Möglichkeit aus und sprichst potenzielle Leser an, dass sie ihre Tipps über die folgende Mail austauschen. langoseatuplose@seznam.cz (Schon einmal Danke im Voraus).

Außerdem entdeckst du in der Nähe deines Hauses eine authentische Multi-kulti-Konditorei, oder auch die Nahrung für die Seele. Für die reguläre Melancholie helfen dir Pelmeni aus dem „mahazyn“ bei der sympathischen Frau aus der Ukraine, für das Balkan-gefühl ein Burek aus dem Fenster von einem Paar aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ein paar Meter weiter stößt du auch an eine echte Pizza von einem echten Italiener und auch an ein facettenreiches Angebot verschiedenster asiatischer Gerichte (für Esser der klassischen böhmischen Küche gibt es dort auch einen smažák/frittierten Käse für 60 Kč).

Die Zeit verbringst du aber nicht nur genießerisch mit belegten Brötchen und Törtchen. Prag ist nicht nur „die Brücke und die Burg“. Prag ist auch ein Beamtenapparat. Ziemlich schnell orientierst du dich also im Verwaltungsjargon: Ausländerbehörde, Innenministerium, OAMP, Finanzamt. Beim Besuch der letzten Institution wirst du nicht nur durch deine fehlende Tschechische Staatsbürgerschaft, sondern auch durch deine nicht vorhandene Geburtsnummer den Betrieb der Zweigstelle beeinträchtigen und sogar auch die bisher überschaubare Ordnung der Staatsverwaltung gefährden. Dieser Vorfall lässt dich über die Beziehung des (öffentlichen) Raumes und der Identität grübeln, oder wie der Raum die Selbstwahrnehmung beeinflusst. Also kurz gefasst: „Wo ist meine Heimat?“. Wann und wo fühlst du dich „bei dir daheim“? An der Karlsbrücke kommst du dir im Vergleich zu dem Strom von Touristen wie ein Einheimischer vor, während der Kontakt mit staatlichen Institutionen in dir ein Gefühl der Entfremdung weckt.

Du nimmst die Stadt wie ein lebendiger Organismus wahr, geschaffen und geteilt von Menschen, und deshalb vergötterst du kuriose und lächerliche Eingriffe im öffentlichen Raum. Die sind aber oft flüchtig, also wenn du gerade Glück haben wirst und es dir gelingt, aus dem Fenster der zweiundzwanziger Tram, die gerade vorm Mírák langsamer wird, zu schauen, wirst du vielleicht ein halbkreisförmiges Portal vor dem Eingang eines pompösen Mietshauses in der Francouzská 3 erblicken und vor ihm, eine legere, sich anlehnende Statue eines bärtigen mythologischen Helden finden, der sich infolge einer rätselhaften Performance in einen Hipster aus Marmor verwandelt. Im Sommer sonnt er sich in einer Sonnenbrille, vor der herbstlichen Kälte schützt ihn wiederum ein exzentrischer Schal, passende Attribute zur Jahreszeit. Dir fehlt der Street-Art in den Straßen. (Prag wartet immer noch auf sein Banksy. Eines der bekanntesten Beispiele des Street-Art ist die Hrabal-Welt in Liben oder die das Gemälde Choose to be happy an einem Haus in Dejvice beim Kreisverkehr. Beim googeln von Bildern zum Schlagwort“ street art Prague” kommt auch die Lennonwand raus, die jedoch eher eine Touristenattraktion darstellt…) Das Vorhandensein engagierter Kunst im öffentlichen Raum, etwas provokatives, das an einen Dialog mit Passanten anknüpft. Deswegen ist die Außengalerie beim Ufer des Kpt. Jaroše und die dortigen Projekte, die wichtige gesellschaftliche Themen reflektiert, einer deiner Lieblingsorte in Prag. Außerdem fotografierst und beobachtest du leiden-schaftlich das städtische Kolorit von Aufklebern, bizarre Schlagwörter, Wortspiele an Säulen, Wänden, Gehwegen, in der U-Bahn… Dir gefällt der Hydepark-Charakter des Palačák, und es ist kein Zufall, dass du dort ein paar Mal zu einer Demonstration auf-tauchst.

Fußball war für dich nie etwas Besonderes (mit Ausnahme der WM 1998, wo du im gelben Ronaldo-T-shirt mit der Nummer 9 Brasilien angefeuert hast, nur um alles ins Gleichgewicht zu bringen, weil seine Cousins Frankreich unterstützt haben). Trotzdem stehst du an einem Sonntag früh morgens auf, um dein erstes Fußballspiel live zu sehen. Es ist für dich ein weiteres Aufeinandertreffen mit tschechischen Realien. Deshalb ach-test du auf Authentizität und gehst den angesehensten Fußballklubs aus dem Weg. Du entscheidest dich für ein zufälliges Spiel des Viktorka Žižkov und FC Třinec. Tickets bekommst du locker ohne Probleme kurz vor dem Spiel. Nach dem Vorbild der anderen Besucher bestellst du dir einen Hotdog mit Senf (diesmal kannst du schon das “ř” aus-sprechen- der Schlüsselton für das Tschechentum) und ein Bier im Plastikbecher. Dich fasziniert die Vielfalt des Publikums, ein lokaler Charakter, keine Aggressivität und die Liebenswürdigkeit mancher Beleidigungen („du hast meinen Enkel getreten, du Nichts-nutz!“).

Und wenn Prag nachts mit dem Neon aufleuchtet...fangen sie großstädtischen Baccha-nalien an. Der beste und eigenartigste Ort zu ausleben ist eindeutig der Marktplatz SAPA. Karaoke in einem Gebäude einer ehemaligen Geflügelfarm hat auf jeden Fall eine unverwechselbare Atmosphäre. Interessiert beobachtest du den außergewöhnlichen Fleiß und den Gefallen der vietnamesischen Teilnehmer bei ihren Gesangseinlagen und kommst dir irgendwie Fehl am Platz vor.

Alles oben genannte erlebt, erinnerst du dich an den Moment, als Prag für dich vor allem „ein Meer roter Dächer“ war, und du staunst, wie deutlich sich der hiesige genius loci verändert hat.

Text vznikl v rámci projektu „Podívat se pod pokličku“ financovaném Magistrátem hlavního města Prahy.

 

Autor: Justyna Janowska

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