Park přátelství

Park přátelství

Prag ist für die russische Kultur eine sehr bedeutende Stadt.

Nach der Bolschewiki-Revolution vor einhundert Jahren wurden die Leute, die mit dem Sowjetregime nicht übereinstimmten, entweder gezwungen das Land zu verlassen oder sie mussten bewusst emigrieren, weil es für sie keine Aussichten auf ein Leben in dem neuen Staat gab.

Prag wurde für mehr als 25 000 russische Immigranten zu einem neuen Zuhause (die Zahl änderte sich an verschiedenen Phasen). Diese Leute waren Teil noch eines weiteren, größeren Stroms von flüchtenden Professoren, Intellektuellen, Schriftsteller, Studenten und vielen anderen, die sich in den auf die Revolution nachfolgenden Jahren zerstreut haben.

Die meisten, die sich in der damaligen Tschechoslowakei angesiedelt haben, sind dort für ihr restliches Leben lang geblieben auch wenn sie selber ihren Aufenthalt für eine vorübergehende Angelegenheit ansahen. Sie dachten, dass die Bolschewiki-Revolution eine vorläufige Krankheit war und dass sie nach dem unvermeidbaren Kollaps des unfähigen Sowjetregimes (so haben die meisten darüber gedacht) wieder zurückkommen könnten. Die tschechoslowakische Regierung hat ein spezielles Unterstützungsprogramm, die sogenannte „Russische Aktion“ gestartet, um ihnen ihr Leben in der Exilzeit zu vereinfachen. Es kam zu einem Ende als es offensichtlich geworden ist, dass das Land der Bolschewiki nicht fallen würde.

In seinem Buch “Russia Abroad” behandelt der Historiker Mark Raeff den Gedanken, dass die russische Emigration in Europa eine ganze Gemeinschaft mit ihren eigenen Institutionen, Literatur und anderen Merkmalen einer großen Gesellschaft geschaffen hat. Das einzige was dieser Gesellschaft fehlte war das Land.

Nah an der Geschichte der russischen Emigration zu sein, ist einer der wichtigsten Aspekte meines Lebens in Prag, auch wenn ich mich selbst nicht als Emigranten bezeichnen würde. Zurzeit studiere ich an einer Universität in Prag und offen gestanden, weiß ich nicht wie meine Zukunft aussehen wird. Aber Prag und die tschechische Kultur helfen mir die Geschichte meines Landes (und mich selbst) besser zu verstehen. Die Stadt hat einige Spuren des Lebens der russischen Zwischenkriegsemigranten erhalten. Das Erlebnis den Artefakten aus deren Leben zu begegnen (was meist die Erfahrung ist, Memoire zu lesen oder mit Kindern und Enkeln der Emigranten zu sprechen), ist als ob an in einer alternativen Welt leben würde, in der die Geschichte Russlands nicht fatal in die neue Sowjetkultur geteilt worden wäre und die alte Vorrevolutionäre Kultur ins Exil gestoßen wäre.

Man sagt, dass das Café Louvre an der Národní třída der Ort gewesen ist, an dem sich die russischen Zwischenkriegsemigranten regelmäßig getroffen haben. Heute schauen die roten Teppiche und andere altbackenen Details des Innenraumstils sehr ungewöhnlich aus, aber damals muss es eine gewöhnliche Realität gewesen sein.

Manchmal komme ich ins Louvre, um darüber nachzudenken wie solche Konversationen zwischen den Emigranten ausgesehen haben könnten. Es hätte dort ein Student sein können, der zum Beispiel nach der der Uni kommen würde und seine(n) oder ihre(n) Freund/in nach der Meinung über diese oder jene neue Meldung aus dem sowjetischen Russland fragen würde. Oder es hätte dort eine politische Diskussion geben können, die nach einigen Gläsern Bier in eine Prügelei ausgeartet wäre. Aber wie können wir das schon sicher wissen? Das Café hätte genauso ein Treffpunkt sein können für jene Denker, die sogar nachdem sie ins Exil geschickt worden waren und nachdem sie sogar von ihrem Heimatland erniedrigt und beleidigt worden waren und immer noch über die möglichen politischen Aussichten diskutierten, die es gäbe wenn Russland von den Bolschewiken zurückerobert worden wäre. Wie ich schon sagte, die meisten dieser Emigranten glaubten, dass sie sehr bald wieder zurückkommen würden, also was es aus deren Sicht notwendig, eine neue politische Theorie für das Land aufzustellen. Heute ist der Bolschewismus Vergangenheit. Das konnten sie jedoch natürlich nicht wissen.

Das könnte komisch klingen, aber wenn ich eines der vier Elemente aussuchen müsste, die Prag am besten charakterisieren, dann wäre es Wasser. Manchmal denke ich, dass die Moldau ein Meer und kein Fluss ist. Das passiert mir am meisten im Park Letná, wenn ich die Länge des Flusses von oben sehen kann. Es fühlt sich an, als könnten nur die Leute, die in Städten ohne Zugang zu großen Gewässern wohnen, die Freiheit des Meeres schätzen. Wenn ich neben dem Metronom beim Park Letná stehe, kann ich fühlen, wie sich die Idee der Wellen des Metronoms in seiner Umgebung spiegelt.

Das Metronom ist übrigens eine weitere Sache, die ich an Prag liebe. Es wurde auf den Platz gebaut, an dem einmal eine riesige Statue von Stalin stand und es repräsentiert etwas, das ich eines Tages in Russland sehen möchte. Es gibt wahrscheinlich kein besseres Symbol, die schmerzhafte Vergangenheit zu überwältigen, als das Metronom.

Eine Sache, die ein Russe in Prag erleben könnte ist die Ungeschicklichkeit, die russische Sprache an öffentlichen Orten zu Sprechen. Manche Leute gehen nicht mal an angehende Anrufe von ihren Bekannten ran während sie in der Tram oder im Bus sitzen. Der Grund für dieses innere Gefühl der Unbehaglichkeit ist natürlich die Tatsache, dass in der Vergangenheit russisch unter sehr traurigen Umständen gesprochen wurde, und zwar bei der Invasion des Militärs des Warschauer Paktes im Jahre 1968. Als junge Person versuche ich immer alles zu machen, was ich kann um das Trauma des militärischen Eingriffs zu überwinden. Aus der moralischen Sicht muss man sich nicht für etwas was man nicht getan hat schuldig fühlen. Wenn ich jedoch beschreiben müsste, was ich über das Jahr 1968 denke, würde ich definitiv das Wort „Schuld“ auswählen. Ich versuche immer meine tschechischen Freunde wissen zu lassen, dass sich viele Leute in Russland für das Einschreiten schämen. Aber um ehrlich zu sein, diskutiere ich nicht so oft über dieses Thema mit meinen tschechischen Freunden. Wir sprechen lieber Dinge, die unser Leben ausmachen: Literatur, Kino, Dinge, die wir mögen. So banal wie es auch klingen mag, denke ich, dass es wichtig ist, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und in die Zukunft zu schauen.

Ich lebe in Střížkov. Nicht weit entfernt von der U-Bahnstation gibt es dort den Park Dobrodružství. Es gibt dort Teiche und Schwäne und auch eine Statue meines tschechischen Lieblingsdichters Jiří Wolker.
Einmal bin ich spät abends nach Hause gegangen. Als ich den Park verlassen habe und mich einer Baustelle näherte, nicht weit weg von da wo ich wohne (es wird immer etwas direkt vor deinem Fenster gebaut, so dass du den Lärm genießen kannst), sprach mich ein Herr an:

„Entschuldigen Sie, sehr geehrter Herr. Haben Sie zufällig eine Zigarette, die Sie mir leihen könnten? Ich bin hier der Nachtwächter und meine Zigaretten sind ausgegangen, aber ich muss bis zum frühen Morgen wach bleiben. Würden Sie mir freundlicherweise in meiner unglücklichen Situation helfen?“

Ich gab ihm eine Zigarette.

„Für Ihre Freundlichkeit, sehr geehrter Herr“, das waren genau seine Worte, aus irgend-einem Grund sprach er wie ein englischer Lord:

„Für Ihre Freundlichkeit werde ich Ihnen einen Witz erzählen…“

Nachdem mir dieser Herr (der eher wie ein Charakter aus einer Erzählung von Bohumil Hrabal aussah) seinen Witz erzählt hatte, kamen wir in ein Gespräch. Er bemerkte, dass ich wegen meines Akzents ein Ausländer war.

„Aus Russland“, antwortete ich auf seine Frage, woher ich käme.

‘O, Rossiya, ja govoru pa Russki!’(Oh, Russland, ich spreche russisch!)

Er erzählte mir, dass er in der Schule ein wenig russisch gelernt hat, als es noch Pflicht war, diese Sprache zu lernen.

Als ich diesen Herrn das nächste Mal wieder sah, unterhielten wir uns wieder. Und dann wieder, ich glaube, dass er jetzt mein Freund ist. Ich treffe ihn regelmäßig, mindestens einmal in der Woche. Manchmal rauchen wir zusammen, manchmal diskutieren wir über Literatur (er hat Turgenev und Tolstoy gelesen). Wir reden tschechisch, aber wenn ich mal ein Wort vergesse und stattdessen russisch benutzte, hat er kein Problem damit mich zu verstehen.

Eines der lustigen Probleme, die ich mit meinen tschechischen Freunden erlebt habe, dass manche dazu neigen, sich verletzt zu fühlen, wenn ich mal kein Bier trinke, wenn wir zusammen in einem Café oder einer bar sind. Ein Bekannter von mir hat sich die Mühe gemacht, mir den Trugschluss meines Benehmens zu erklären. Wir waren im wunderschönen Café Montmartre als er mich darauf ansprach:

„Schau mal, durch das Ablehnen von Bier sinkst du die Qualität des Getränks. Wahr-scheinlich denkst du, dass es Alkohol ist, aber das ist falsch! Bei Bier geht es nicht um den Alkohol. Das ist flüssiges Brot, was die grundlegendste Nahrung ist und niemand darf ein Stück Brot ablehnen, wenn er eines angeboten bekommt, weil wenn Brot nicht wichtig wäre, hätte es Jesus, unser Retter nicht denen gegeben, die in Not waren. Also solltest du damit vorsichtig sein…“

Ja, also ich würde sagen, dass ich nun Bier liebe…

Während einer meiner ersten Aufenthalte in Prag, ging ich in ein Café, das von der U-Bahnstation Muzeum nicht weit entfernt war. Verschollen im Straßenlabyrinth, war es ein ziemlich ruhiger Ort. Damals sprach ich noch kein Tschechisch, aber ich dachte mir, dass ich es mehr oder weniger schaffen werde, mir etwas zu Essen zu bestellen. Das Café war eines der wenigen Orte, an denen man einfach nur dasitzt, einen Kaffee trinkt und über seine Existenz nachdenkt. Ich war von der Inneneinrichtung fasziniert. Außer-dem habe ich gerade einen Roman von Ernest Hemingway gelesen, also hatte ich im Unterbewusstsein den Wunsch seinen Stil zu kopieren: ein Dandy in Europa, Kaffee und Zigaretten. Etwas in dieser Art. Also suchte ich mir ein Gericht aus, dass meiner Meinung nach elegant genug klang, um von einem „schlauaussehenden jungen Mann mit einem Buch“ (das war meine geistige Vorstellung von mir selbst) gegessen zu werden. Ich habe noch einen Kaffee dazu bestellt und mir eine Zigarette angezündet. Nach einer Weile hat mir der Kellner einen großen Teller mir frittiertem Schweinefleisch und Kartoffeln gebracht. Es stellte sich heraus, dass ich durch meine fehlenden Tschechischkenntnisse das fettreichste Gericht bestellt habe. Ganz offensichtlich hat das Erscheinungsbild des frittierten Schweinefleisches meinen Plan gestrichen, stilvoll zu lesen. Wie auch immer, ich muss aber zugeben, dass das Essen sehr lecker war…

Letztes Jahr bin ich nach einer Silvesterparty in einem Café, das in der Nähe von der U-Bahnstation Staroměstská war, nach Hause gegangen. Es hat leicht geschneit und ich hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist. Ich glaube es war da, als ich realisiert habe, was Prag wirklich für mich ist. Was Prag von anderen Städten unterscheidet, ist die Fähigkeit ständig Räume zu öffnen und wieder zu schließen, neue Bedeutungen aus dem Nichts aufkommen lassen, die Verwandlung von Erscheinungsbildern auf-kommen zu lassen. Es ist die Verbindung von Themen, die lebendige Geschichte, die die Stadt aus meiner Sicht besonders macht.

Genauso, wenn ich beschreiben müsste, wie sich mein Leben in Prag anfühlt, würde ich es mit Dingen vergleichen, die einem niemals passiert sind. Es ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man die Erfahrung gemacht hat, Muttersprachler einer slavischen Sprache zu sein, und man anfängt, eine andere slavische Sprache zu lernen. Es fühlt sich an, als hätte man schon einmal alle Wörter gehört, aber es gibt eine geschichtliche Lücke, eine Verdunkelung im Gedächtnis, die dich von ihnen abspaltet. Um diese Abspaltung zu überwinden, ist die Tat des Willens gefragt.

 

Autor: Anton Romanenko

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