Neues deutsches Theater

Egon Erwin Kisch

Der Theaterbesuch war unser Sport, unsere Leidenschaft. Stehgalerie, Stehgalerie! Du schönste Jugenderinnerung.

Hoch vom Olymp herab ward uns die Freude, ward uns der Jugendgöttertrank beschert. Schon um drei Viertel vier Uhr wurden wir in der Stenographiestunde unruhig, die Bücher wurden unter der Bank gepackt, und mit dem Glockenzeichen des Schuldieners jagten wir im Galopp hinauf zum Theater, um uns zwei Stunden vor der Türe zu drängen, zu balgen, zu schwitzen, zu dulden und zu leiden. Realschüler und „Gimpeln“ fochten hier ihre Kriege aus, französische Tiernamen flogen hinüber, lateinische Schimpfworte zurück. Die Technik des Anstellens war eine eigene Kunst. Der kleine Anton, der behend durch die Füβe der anderen durchzuschlüpfen wuβte, hatte das Geld – die Zahl unserer Gruppe multipliziert mit zwanzig Kreuzern – in der geballten Faust, Artur, der gefürchtete Mittelhalf, war breitspurig und gefahrdrohend hinter ihm, „stand Mauer“. Bis dann um sechs Uhr die Türe – gewöhnlich mit Scheibenklirren und Splitterregen – geöffnet wurde. Husch, war der Anton am Schalter, die Karten waren im Nu verteilt, und schon raste die wilde Jagd die Stiegen empor, dem Billeteur wurde die Karte zugeworfen, und in dem linken Korb landeten wir, wo sich die Galerie bedeutender Zeitgenossen ein Rendezvous zu geben pflegte. (Novizen eilen immer in die Mitte.)


Quelle: KISCH, Egon Erwin. Die Abenteuer in Prag. Prag: Ed. Strache, 1920, S. 86-87.

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